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Dienstag, 16. September 2008

MainzerMedienDisput 2008 - Textentwurf Thomas Leif

13. MainzerMedienDisput 2008
2. Dezember 2008 im SWR-Landesfunkhaus Mainz
3. Dezember 2008 im ZDF-Konferenzzentrum Mainz

„Das Fernsehen ist doch selber mit sich nicht glücklich. Das ist eine dieser
großen Maschinen, die meint, sie müsse die Gelder, die sie ausgibt,
rechtfertigen mit Masse, eben durch die Quote. Das ist eine ganz schlechte
Basis, gutes Fernsehen zu machen.“ Edgar Selge (60), Schauspieler
Brot & Spiele:
Medien-Macht und Demokratie-Verfall
Al Gore – der bekannteste Weltklima-Kämpfer - hat „Belanglosigkeiten und
Unsinn“ in den Medien kritisiert. „Die Grenze zwischen Nachrichten und
Unterhaltung“ werde zerstört. Die Vereinigten Staaten seien „anfällig für
massenhafte und dauerhafte Zerstreuung.“ Nicht nur beim Klimawandel
würden die Tatsachen genauso „beiseite gewischt und missachtet“, weil sie
unbequem seien, wie es bei den Tatsachen zum Irak-Krieg geschehen sei. Al
Gore sieht in dieser Entwicklung einen „Angriff auf die Vernunft.“ Aber der
Friedensnobelpreisträger geht einen Schritt weiter und appelliert an die
konsumfreudigen Bürger. Sie sollten sich weniger mit Klatsch und Tratsch
beschäftigen, sondern mit wichtigeren Themen. Wie könne es sein – so seine
Frage - „dass wir viel mehr Zeit damit zubringen, über Britney Spears` Glatze
und Paris Hiltons Gefängnisaufenthalt zu reden?“
Diese unbequeme Frage nach den Konsumgewohnheiten der Mediennutzer
gilt nicht nur für die USA, sie wird auch in Deutschland noch tabuisiert.
Die prominent präsentierte Kritik ist im Prinzip nicht neu: das
Spannungsverhältnis zwischen vernachlässigten e r n s t h a f t e n Themen
und b e l a n g l o s e r Berichterstattung wurde schon vor einem Jahrzehnt in
vielen Facetten analysiert. Postmans Kritik unter dem Titel „Wir amüsieren uns
zu Tode“ (19...) hatte viele erreicht, aber wenig bewegt. Im Gegenteil: Die
Dominanz der Unterhaltung nicht nur in den Boulevard-Medien, eine rasante
Tempospirale und der weit verbreitete „Rudeljournalismus“ prägen die
Medienlandschaft. Die Tendenz eines akzentuierten Verleger-Journalismus, die
schon seit der Bundestagswahl 2005 dokumentiert wurde, ist im Vorfeld der
Bundestagswahl 2009 noch eindeutiger.
„Sport ist Unterhaltung“ – dieses Credo hört man immer wieder von Chefredakteuren,
die auch für dieses scheinbar so unpolitische Ressort zuständig
sind. Allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Denn der Mythos des seriösen,
hintergründigen und analytischen Journalismus rund um das attraktive
Massenspektakel soll mit allen Mitteln zementiert werden. Während des
MainzerMedienDisputs nehmen wir in diesem Jahr einen Seitenwechsel vor,
schauen uns und die Schattenseiten des journalistischen Sportbetriebs an,
nehmen die Duz-Maschinen unter die Lupe, untersuchen die Einflusszonen der
Rechte-Dealer und die Geldströme zwischen den „Sportunternehmen“ und den
„Sport-Abspiel-Stationen.“
Gerhard Hofmann, langjähriger Korrespondent in Bonn und Berlin hat die
Irrungen und Wirrungen des Hauptstadtjournalismus in einem Buch
analysiert: „Längst sind alte Unterscheidungsmuster zwischen wichtig und
unwichtig aus dem Blickfeld geraten. Lappalien werden zu Topstories
aufgeblasen. Nebensächliches wird zur Sensation, die allerdings auch nach
einem halben Tag wieder vergessen ist. Die Medienmaschine dreht immer
schneller, verlangt immer mehr und in immer rascherer Abfolge Treibstoff. Wir
ertrinken im Scheinbaren.“ Lutz Hachmeister hat die „ungesunden Beschleunigungstendenzen“
kritisiert und „auch die verschärfte Konkurrenz um
Pseudo-Nachrichten in der Hauptstadt, wo die wirklich entscheidenden
politischen und legislativen Prozesse, die sich auf der Ebene von Ministerialbeamten
und Lobbyisten abspielen, zu selten reportiert werden.“ (dpa, 7.5.08)
Alarmzeichen für eine Gesellschaft, die an Selbstaufklärung interessiert sein
muss, eine Bankrotterklärung für eine Wissensgesellschaft, die sich das
Mantra der Excellenz einredet. Aber auch ein Paradies für die so genannten
„Spindoctoren“, die anonym und professionell dieses System füttern, Nachrichten
liefern und den Geschichten den „richtigen Dreh“ geben.
Klaus Wowereit hat die Medien-Misere in der ihm eigenen Zurückhaltung auf
den Punkt gebracht: „Ich kann Journalisten instrumentalisieren. Ich weiß, auf
was sie abfahren, und wenn ich eine Nachricht produzieren will, dann weiß
ich, wo ich sie hinsetze.“ Dieses Geheimnis vertraute der Regierende
Bürgermeister natürlich „Beckmann“ an.
Medien haben „Macht ohne Verantwortung“ – bilanzierte ein früherer
Ministerpräsident. Mit seinen Mahnungen fand er kein Echo. Auch wir haben
nicht die Hoffnung, dass die Rolle der Medien in der Demokratie künftig einen
angemessenen Platz in der Agenda der Wichtigkeiten einnehmen wird. Aber –
wir wollen mit den Debatten in Mainz zumindest die Plattform für die
überfälligen Diskurse liefern.
Diese relevanten Themen werden von der Medienpolitik kaum aufgegriffen.
Stattdessen sind die Medienpolitiker zunehmend dem Lobbydruck der Verleger
und privater Programmanbieter ausgesetzt. Ihr (erstes) Ziel: dem öffentlich–
rechtlichen Rundfunk soll im weltweiten Netz nur eine Mini-Nische
zugestanden werden. Man hat den Eindruck: dem Dackel soll ein Maulkorb
verpasst werden, während die Kampfhunde im Netz freien Lauf haben. Welche
Wirkung die anhaltende Kampagne hat, wohin die aktuelle Medienpolitik
treibt, welche Interessen Brüssel verfolgt u n d was das alles mit den
Mediennutzern und der Meinungsfreiheit zu tun hat, steht ebenfalls auf dem
Mainzer Debatten-Programm.
Heute – man kann wohl ohne Übertreibung diagnostizieren, dass die Kluft
zwischen dem Einfluss der Medien in der Demokratie einerseits, der Analyse
ihrer Arbeitsweise, Wirkungsmechanismen und Defizite andererseits, größer
geworden ist. Die Wirkungen der Medien auf Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft wachsen, Medienkritik und Medienanalyse oder gar die
journalistische Selbstreflexion bleiben aber eine Orchideen-Disziplin. Dabei
wäre eine Diskussion über eine verwilderte Profession überfällig. Immer mehr
sehen im Journalismus einen technischen Beruf, der angeliefertes Material
zielgruppengerecht für das jeweilige Medium verpackt. Viele sind an
Recherche, Fachwissen, Erfahrungs-Kompetenz nicht mehr interessiert. Das
Leitbild des „klassischen“ Journalisten, der aus eigener Kenntnis, Anschauung
und Sachverhaltsklärung, auf der Grundlage e i g e n e r Recherchen seine
journalistischen Aufgaben bewältigt, wird zunehmend abgelöst. Von
schnellen, technisch versierten Nachrichtenverwertern, die fremde
Informationen konfektionieren, hypen und aufmotzen.
Ein Medienmanager spricht aus, wie er sich guten Journalismus vorstellt, was
die meisten seiner Kollegen über „Qualität“ denken, aber so nicht sagen
würden. „Qualität ist für uns Quote. Wenn Qualität keine Quote bringt, ist für
uns das Spiel vorbei.“ Der Ex-Vorstandsvorsitzenden der ProSiebenSat.1 Media
AG, Guillaume de Posch hat mit dieser Definition die krisenhafte Lage der
Medien vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten auf den Punkt
gebracht (dpa, 16.10.07).
Relevante Inhalte, überprüfte Informationen, Quellenvielfalt, das Interesse an
Aufklärung, eine reflektierte Haltung zum Beruf sind Klammern für einen
Qualitätsjournalismus, der demokratische Teilhabe ermöglichen und
gesellschaftliche Integration fördern kann. Qualitätsjournalismus in diesem
Sinne ist der Kitt, der eine demokratische Gesellschaft zusammenhält und
einen Diskurs über wichtige Entscheidungen für das Zusammenleben der
Menschen in Rede und Gegenrede vorantreibt. Über diesen auch
verfassungsrechtlich geschützten Aufgaben des Journalismus will der
MainzerMedienDisput 2009 diskutieren. Mit interessanten Vorträgen,
spannenden, kontroversen Diskussionen und konstruktiven Lösungsvorschlägen.
Der MedienDisput im ZDF Konferenzzentrum in Mainz bleibt
seiner Tradition treu und folgt seiner Linie: „Nicht verzagen.“

1 Kommentare:

  1. AnonymSep 16, 2008 04:56 AM
    Nicht schlecht, aber noch verbesserungsfähig.
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